Der letzte Abendspaziergang
Das bisschen Schnee sollte sie nicht an ihrem gewohnten Spaziergang hindern. Es lag nur eine dünne Schicht, dafür war es fast hell, obwohl die Sonne längst untergegangen war. Niemand war unterwegs, der Schnee unberührt, absolute Stille lag über dem Dorf. Ein paar erleuchtete Fenster zeigten an, dass Menschen in den Häusern waren, aber hier draußen war nur sie, völlig unbemerkt, diese friedliche Welt gehörte ihr ganz allein.
Sie überquerte die Brücke und nahm den Feldweg, ließ das Dorf hinter sich. Hier gab es zwei frische Reifenspuren im Schnee. Sie hatte nichts gehört, aber hier waren Autos gefahren. Notgedrungen folgte sie den Spuren.
Ihr Plan war, die erste Abzweigung zu nehmen, den schmalen Fußweg, der den Hügel hoch führte. Aber hier zeigte sich, dass die Spuren von einem einzelnen Auto stammten. Es hatte gewendet und war zurückgefahren, nachdem jemand ausgestiegen war. Der Unbekannte hatte ihren Weg genommen, Fußspuren führten den Hügel hoch. Das Profil der Sohlen war deutlich erkennbar, Schuhgröße 43.
Sie verzichtete auf den Aufstieg, lief weiter durch den unberührten Schnee, versuchte, sich einzureden, dass sie ja doch alleine hier draußen wäre.
Es war jetzt kälter, ihr Atem bildete weiße Wolken, es knirschte unter ihren Füßen. Es kam ihr vor, als würde sie mit jedem Schritt laut auf ihre Anwesenheit aufmerksam machen. Wer war der Unbekannte, was trieb ihn nach hier draußen? Ein Spaziergänger aus dem Dorf wäre nicht mit dem Auto gebracht worden. Ohnehin ging hier niemand vor die Tür, der keinen Hund auszuführen hatte. Dieser Mann war allein.
Die friedliche Stille war verschwunden. Jetzt lag ein Gefühl von Bedrohung in der Luft, wie vor einem Gewitter oder einem Angriff. Sie lauschte mit gespannter Aufmerksamkeit, versuchte herauszufinden, wie sie eine Begegnung vermeiden könnte. Sie redete sich ein, dass es nur ein paar Fußspuren waren, sonst nichts. Aber wo war er, und warum knirschten ihre Schritte so laut, während von ihm außer den Spuren kein Lebenszeichen zu entdecken war?
Sie könnte zurückgehen, auf den Spaziergang verzichten. Aber sie war weitergegangen, während sie nachdachte, jetzt stand sie vor der zweiten Abzweigung. Jetzt war es egal. Sie würde die Runde über den Hügel machen, sie war ja praktisch schon auf dem Rückweg. Auf dem Weg nach oben wurde es mit jedem Schritt kälter, es lag immer mehr Schnee, das Gehen wurde anstrengend, wurde zu einem Stapfen. Nur noch einmal abbiegen, dann würde sie auf den befestigten Weg gelangen, der zurück ins Dorf führte, unterwegs die Aussicht genießen. Sie kam nicht dazu.
Auf einmal waren sie da. Zwei Autos fuhren auf dem Hauptweg mit aufgeblendeten Scheinwerfern aufeinander zu, drehten dann beide in ihre Richtung, leuchteten den schmalen Weg aus. Sie flüchtete vor der gleißenden Helle in das nächste Gebüsch.
Eine Weile passierte nichts. Dann setzte der eine zurück, verschwand. Erschien kurz danach unten an der Abzweigung, die sie genommen hatte, leuchtete von da nach oben. Das Ganze hatte System. Obwohl sie die Lichtkegel vermieden hatte, schienen die beiden genau zu wissen, wo sie sich befand. Sie saß im Gebüsch in der Kälte und wartete. Wer waren die beiden, was war der Sinn der Aktion? Waren die Fußspuren gar kein Zufall, sondern eine Provokation gewesen? Sollte sie genau hier sitzen, wie die Maus in der Falle?
Nach einer gefühlten Ewigkeit setzte sich das Auto vor ihr in Bewegung. Kurz danach auch der andere. Aber sie verschwanden nicht.
Der Busch, in dem sie saß, bildete den Mittelpunkt eines Kreises, auf dem die beiden sich gegenseitig in großem Abstand verfolgten. Sie fuhren unten durchs Tal, dann oben auf dem Hügel, dazwischen ein Stück auf der Landstraße. Immer um sie herum, sie sah die Scheinwerfer, sie hörte die Motoren. Der Weg zurück ins Dorf war abgeschnitten, egal, auf welchem Weg sie es versucht hätte.
Ihre einzige Chance war der Wald. Sie lauschte, zählte die Sekunden zwischen den Autos, die Abstände waren nicht gleich. Sie wartete auf die längere Lücke und rannte los. Sie erreichte den Schatten der Bäume, hier war es dunkel und still. Wieder lauschte sie. Es war nicht nur die Stille des Waldes, die Autos hatten genau jetzt aufgehört zu fahren. War sie zum zweiten Mal in die Falle gegangen, sollte sie hier sein, sich immer weiter vom Dorf entfernen?
Der Waldweg führte erst den Hang runter und dann durch das Tal, bis in die Stadt. Wenn sie die erreichen könnte ... Weiter konnte sie nicht mehr denken. Mechanisch setzte sie einen Fuß vor den anderen.
Es blieb still, und auch wenn sie lange Zeit dachte, dass jetzt gleich jemand vor ihr stehen würde, passierte nichts. Langsam entspannte sie sich, konnte die Stille wieder genießen.
Bis zu dem Moment, als der grüne Lichtpunkt anfing, über ihre Jacke zu tanzen. Da oben, auf der anderen Seite des Tales, war jemand. Plötzlich wusste sie, wer es war, wusste, wie sehr er seine Macht genoss, während er sie anvisierte, mit dem Finger am Abzug.