Lichter
Die Weingläser waren gar nicht so toll, wie er sie sich vorgestellt hatte. Seine Mutter hatte sie sorgfältig in Zeitungspapier eingewickelt. Daran konnte er sich erinnern, obwohl es viele Jahre her war, er damals ein Kind gewesen war. Jetzt wickelte er sie aus, aber es war die vergilbte Zeitung, die sein Interesse weckte.
Lady Diana, die Prinzessin der Herzen, von Paparazzi gejagt, von ominösen Lichtern geblendet, hatte in den zerfetzten Überresten ihres Autos den Tod gefunden. Damals hatte ihn das nicht interessiert, jetzt fielen ihm so einige Spekulationen und Verschwörungstheorien wieder ein. War es wirklich ein Unfall gewesen? Oder hatte da wer auch immer seine Finger im Spiel gehabt?
Er lächelte, als ihm die Idee kam.
Dorothea, die weder Prinzessin noch sonstwie prominent war, hatte schlechte Laune. In der Nacht war sie von hellen Lichtblitzen geweckt worden, sie hatte seltsame Geräusche gehört, ganz sicher kein Gewitter, und dann hatte auch noch jemand an die Tür geklopft. Nicht geklingelt, geklopft. Bis sie ihre Hausschuhe gefunden hatte, waren da nur noch die Rücklichter eines wegfahrenden Autos gewesen.
Und jetzt dieser Geländewagen mit dem albernen Presse-Schild in der Heckscheibe, der könnte sich mal entscheiden, entweder fuhr er etwas schneller oder er ließ sie vorbei. Hinter ihr bildete sich allmählich ein Stau.
Jetzt an der Ampel drehte der Fahrer sich auch noch um und fotografierte sie. Oder sah das nur so aus? Wer verwendete heute noch diese altmodischen Knips-Apparate?
Sicherlich alles nur Zufall, aber allmählich hatte sie genug von diesen Zufällen. Seit wann ging das schon so, wann hatte sie sich zum ersten Mal gefragt, warum alle diese jungen Männer ausgerechnet sie ablichten mussten? Sie war noch nicht einmal sicher, ob es wirklich mehrere waren, oder nur einer mit einer umfangreichen Perücken- und Brillensammlung.
Egal, morgen würde sie in den Urlaub fahren, sie freute sich schon auf das einsame Ferienhaus in den Dünen. Seit dem Tod ihres Mannes fuhr sie gerne in den Norden, Wind und Wetter waren ihr Ding. Endlich wieder durchschlafen, endlich wieder unbeobachtet sein.
Auf der Fahrt war alles gut gewesen, sie war überzeugt, die Foto-Typen hinter sich gelassen zu haben. Sie bog das letzte Mal ab, konnte ihr Ferienhaus schon sehen. Gegenüber, auf der anderen Straßenseite, stand ein Auto. Ihr Vermieter? Aber sie hatte die Schlüssel in der Tasche. Es war ein Geländewagen, in der Heckscheibe ein Schild, Presse. Als hätte er nur auf sie gewartet, fuhr er in dem Moment los und verschwand. Ihr wurde kalt.
Später fuhr sie in den Ort, vom Geländewagen war nichts mehr zu sehen gewesen. Abends hatte im Kursaal jemand aus Storms Schimmelreiter gelesen, die Stimmung hielt sie noch gefangen, als im Rückspiegel die Lichter auftauchten. Aufgeblendet, grell, viel zu schnell, und jetzt auch noch von vorne, in riesigen leuchtenden Buchstaben stand da „Presse“. Sie hörte den Knall, aber sie verstand nichts mehr.
Die aktuelle Zeitung, gedruckt auf Papier, das musste diesmal sein. Eine Frau war scheinbar grundlos von der Straße abgekommen und mit einem Brückenpfeiler kollidiert. Ob das in Zusammenhang mit einem in der Nähe aufgefundenen großen Spiegel stand, wurde noch überprüft. Er verwahrte die Zeitung sorgfältig, zusammen mit der anderen, der vergilbten.