Das Ende einer Bahnfahrt
Drei Uhr morgens. Die Überwachungskamera hatte ihn geweckt, neue Bilder. Sie war tatsächlich um diese Zeit aus dem Haus gegangen, mit Rucksack und Wanderschuhen. Er warf sich in Kleider, sprintete zum Auto und fuhr los. Eine viertel Stunde später war klar, sie war tatsächlich nicht mehr zu Hause. Aber ihm war kein Auto entgegengekommen, sie musste noch irgendwo in der Gegend sein. Wenn sie Richtung Norden ging, würde sie genau rechtzeitig zur Abfahrt des ersten Busses im Nachbardorf sein. Dort fuhr er hin, klebte das Ersatzhandy unter das Dach der Bushaltestelle und machte sich daran, die andere Möglichkeit zu untersuchen. Dort würde sie etwa zwei Stunden unterwegs sein, bis in die nächste Kleinstadt. Gerade jetzt wäre sie dann auf freiem Feld unterwegs, egal, welchen Weg sie nahm. Er fuhr in die andere Richtung, zu seinem Beobachtungsposten. Die Infrarotkamera zeigte ihm - nichts. Alles still, niemand zu sehen. Nur ein paar Wildschweine. Hier war sie nicht. Also zurück zur ersten Möglichkeit. Und jetzt zeigte ihm die Kamera auch eine Gestalt, die gerade den Berg herunterkam.
Er erlaubte sich ein zynisches Lächeln. Sie hatte keine Chance, er würde sie immer finden. Um sie daran zu erinnern, startete er das Sound-System und fuhr fast zwei Minuten lang mit dem Röhren und Blubbern eines großen Sportwagens durchs Dorf. Dann setzte er die Verfolgung als unscheinbarer Kleinwagenfahrer fort.
Wie erwartet, stieg sie in den Bus und nannte die Stadt als ihr Fahrtziel. Er hatte also ein bisschen Zeit, sammelte sein Handy wieder ein und fuhr dann in die Stadt. Morgens um fünf gab es nicht so viele Möglichkeiten, was sie dort wollen könnte. Trotzdem holte er sicherheitshalber den Bus ein und folgte dann der Straßenbahn, aber niemand stieg aus, es war einfach noch zu früh. Er war also vor ihr am Bahnhof, drückte sich in eine Ecke und stand dann hinter ihr, als sie die Fahrkarte kaufte. Und hatte gleich Grund zur Freude. Was auch immer sie dort wollte, er kannte jetzt ihr Reiseziel, und das war ganz nach seinem Geschmack. Im Gegensatz zu ihr hatte er es natürlich nicht nötig, achthundert Kilometer mit der Bahn zu fahren. Er freute sich schon auf ihr dummes Gesicht, wenn er vor ihr da sein würde. Es würde seine Foto-Sammlung zieren.
Aber bis es soweit war, hatte er noch zu tun. Er bestellte den ihm angemessenen Porsche bei der Autovermietung seines Vertrauens. Er wählte sorgfältig das seiner Bedeutung und dem Anlass entsprechende Outfit, rasierte und stylte sich mit Hingabe. Er war eben nicht nur der Größte, er war auch der Schönste. Das musste er ihr hin und wieder klar machen. Achtzig Kilometer musste er mit dem Kleinwagen fahren, aber das ließ sich nicht vermeiden. Es war noch früh, niemand würde ihn sehen. Als er ankam, hatte die Autovermietung geöffnet, und die Angestellten kannten ihn, waren also nicht neugierig, nur von dieser unterwürfigen Höflichkeit, die schließlich angemessen war, wenn er auftauchte.
Er bekam das Auto, das er wollte, fuhr auf die Autobahn und trat das Gaspedal durch. Das Navi kündigte Baustellen im Verlauf der Fahrt an, er sah also zu, dass er voran kam, solange es gut ging. Wie immer gehörte die linke Spur ihm, kaum jemand wagte es, sich ihm in den Weg zu stellen. Er genoss das Hochgefühl, wenn die Tachoanzeige sich in Richtung 300 bewegte. Das hier war seine Welt, auf der Autobahn konnte er zeigen, was er wirklich wert war. Schade nur, dass sie ihn jetzt nicht sehen konnte.
Gut, dass es das Internet gab. Er wusste also, dass ihr Zug Verspätung hatte, wann er tatsächlich ankommen würde. Dadurch hatte er ein bisschen Zeit, konnte sorgfältig seinen Platz auswählen. Im Halteverbot, direkt vor dem Bahnhof, stand er richtig. Dort durfte er natürlich nicht zu früh ankommen, man hätte ihn des Platzes verwiesen, bevor er seine Aufgabe erledigt hatte. Und tatsächlich ging es hier zum ersten Mal schief. Sie kam wie vorgesehen aus dem Gebäude, sah ihn und änderte sofort die Richtung, bevor er sie fotografiert hatte. Er musste sich ihr dummes Gesicht vorstellen, auf dem Foto hatte er es nicht.
Und dann ging sie auch noch Richtung Fußgängerzone, während er von seinem Parkplatz verscheucht wurde. Er verlor sie aus dem Blick. Er wurde hektisch, kurvte durch die Stadt, bis er sie wieder sah. Sie stand an der Ampel, wartete auf grün. Er hatte grün, aber er blieb stehen. Und statt direkt vor ihm über die Straße zu gehen, änderte sie wieder ihre Absichten und überquerte die andere Straße, verschwand diesmal endgültig aus seinem Blickfeld. Das Bild zeigte sie wieder nur von hinten. Er würde es nie verstehen. Er, der Größte und Schönste, führte ihr die großartigsten Autos vor, zeigte ihr, wie man so ein Auto richtig fuhr, aber sie bemerkte es einfach nicht. Er würde es ihr schon zeigen.
Die Realität war, er hatte kein Foto, und er wusste nicht, wo sie war. Sie war in dieser Stadt, soviel stand fest, aber wo? Und wie lange würde sie bleiben? Aus Erfahrung wusste er, dass er nicht vorhersehen konnte, wann sie sich entscheiden würde, zurückzufahren. Er biss in den sauren Apfel, gab das Auto zurück und kaufte eine Fahrkarte, wartete am Bahnhof auf sie.
Er stieg nach ihr in den Zug, passte auf, dass sie ihn nicht sah. Zug fahren war unter seiner Würde, und dann auch noch in der zweiten Klasse. Er ließ seinen Unmut am Schaffner aus. Sie dagegen sah so zufrieden aus, was sollte das denn bedeuten? Aber jetzt gleich würde sie umsteigen müssen. Warum zog sie ihre Jacke nicht an? Warum packte sie ihr Zeug nicht ein? Jetzt lächelte sie sogar. Der Zug hielt, sie stand nicht von ihrem Platz auf. Der Zug fuhr wieder an, sie saß weiter da, als hätte sie es nicht bemerkt. Und jetzt saß er auf glühenden Kohlen. Jetzt hatte er keine Fahrkarte. Jetzt erwies es sich als weniger günstig, dass er den Kontrolleur so herablassend behandelt hatte. Als der jetzt wieder vorbeikam, stellte er sich schlafend. Nach dem nächsten Bahnhof nochmal. Und immer noch saß sie ganz entspannt auf ihrem Platz. Wo wollte sie denn jetzt hin? Das hier war nicht geplant. Der Zug hielt noch einmal. Diesmal stiegen zwei Bundespolizisten ein, kamen direkt zu ihm und fragten nach seiner Fahrkarte. Sie baten ihn höflich um seinen Namen, seinen Ausweis und dann darum, mit ihnen den Zug zu verlassen. Der Zug fuhr ohne ihn weiter, er sah noch ihr Lächeln.